5 Fragen an: Harry Heine – Journalist, Schriftsteller, Auswanderer

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Nein, seine Geschichte wurde (noch) nicht in der VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ verwurstet. Wobei sich die Frage stellt, ob er nicht allzu gern dabei mitmachen würde. Denn an die Öffentlichkeit drängt sich der Harry gern und oft. So wurde auch aus dem Poetry-Slammer ein Journalist, der sich zu fast allem und jedem äußert, was so in der Welt passiert. Ich kenne Harry schon sehr lange und habe ihn immer wegen seiner wüsten Jugend bewundert – während er vom Banker zum Punk mutierte, Duelle anzettelte und sich im Puff den Tripper holte, war ich einfach nur ein braver Jungbürger. Nicht sein wilder Lebenwandel machte ihm letztlich Schwierigkeiten, sondern seine jüdische Herkunft. Weil ihm im Zuge des anschwellenden Antisemitismus der Boden in Deutschland zu heiß wurde, entschloss er sich auszuwandern und sein Glück in Paris zu versuchen. Ich habe ihm unsere berühmten fünf Fragen gestellt – hier sind seine Antworten:

Frage: Du hast dich immer zum Zustand der Welt geäußert – wie fällt deine Aanlyse aus?
Antwort: Die Kunst des schönen Gebens wird in unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße, wie die Kunst des plumpen Nehmens, des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeiht.
Wir glauben nicht mehr an die Wunderkraft des Blutes, weder an das Blut des Edelmannes, noch eines Gottes, und die große Menge glaubt nur an Geld. Besteht nun die heutige Religion in der Geldwerdung Gottes oder in der Gottwerdung des Geldes?

F: Die Menschheit wird ja heute von merkwürdigen „Führern“ in Angst versetzt – was hältst du von Erdogan, Putin und vor allem Trump?
A: Über die Zeitereignisse sage ich nichts; das ist Universalanarchie, Weltkuddelmuddel, sichtbar gewordener Gotteswahnsinn! Der Alte muß eingesperrt werden, wenn das so fortgeht.
Zur verwickelten, langsamen Intrige neigen kleine, analytische Geister. Hingegen synthetisch-intuitive Geister wissen auf wunderbar geniale Weise die Mittel, die ihnen die Gegenwart bietet, so zu verbinden, daß sie dieselben zu ihrem Zwecke schnell benutzen können.
Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen.

F: Du bist geborener Düsseldorfer – hast du nicht manchmal Heimweh?
A: Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn. Und wenn ich sage, nach Hause gehn, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin. Dieses Haus wird einst sehr merkwürdig seyn, und der alten Frau, die es besitzt, habe ich sagen lassen, daß sie bey Leibe das Haus nicht verkaufen solle. Für das ganze Haus bekäme sie jetzt doch kaum soviel, wie schon allein das Trinkgeld betragen wird, das einst die grünverschleyerten, vornehmen Engländerinnen dem Dienstmädchen geben, wenn es ihnen die Stube zeigt, worin ich das Licht der Welt erblickt, und den Hühnerwinkel, worin mich Vater gewöhnlich einsperrte, wenn ich Trauben genascht, und auch die braune Thüre, worauf Mutter mich die Buchstaben mit Kreide schreiben lehrte – ach Gott! Madame, wenn ich ein berühmter Schriftsteller werde, so hat das meiner armen Mutter genug Mühe gekostet.

F: Mit den Religionen stehst du auf Kriegsfuß – weshalb?
A: In dunklen Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.

F: Du bist ja auch nicht mehr der Jüngste – hast du noch Wünsche für den Rest deines Lebens?
A: Friedliche Gesinnung. Wünsche: bescheidene Hütte, Strohdach, aber gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Türe einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mir die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden – Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden. – Versöhnlichkeit, Liebe, Barmherzigkeit.

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