Als ich Dennis und Benjamin Wolter kennenlernte, fielen sie mir als freundliche, höfliche, wenn auch eher stille Jungs auf. Okay, da waren sie elf Jahre alt und Nachbarskinder. Mit ihrem Vater führte ich auf dem Gehweg vor dem Haus endlose Diskussionen über das Schicksal der Fortuna, und von den Zwillingen wusste ich, dass sie selbst für den Fußball glühten. Vielleicht, ja, vielleicht wäre für beide auch eine Karriere als Profikicker möglich gewesen. Aber, nein, es trieb sie zum Kreativen. Und heute sind sie berühmt als Erfinder und Macher der YouTube-Show World Wide Wohnzimmer.

Das mit dem kreativen Tun zeigte sich auch ein paar Jahre später. Da suchten sie Praktikumsplätze in der einschlägigen Branche, und ich konnte ihnen die in der Agentur dreimarketing (in der ich seinerzeit tätig war) vermitteln. In den paar Wochen zeigten sich schon die Talente der Jungs – der eine eher konzeptionell begabt, der andere gestalterisch. Eine perfekte Mischung für eine Laufbahn als Werbefuzzis.

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Aber auch das wurde es nicht. Plötzlich – es wird irgendwann 2010 gewesen sein – kriegte ich mit, das sie einen YouTube-Kanal namens Twin.tv eröffnet hatten. Ich verfolgte das Ding, obwohl ich altersbedingt nicht jeden Scherz und jede Anspielung verstand. Aber, gut gemacht waren die Clips. Aus Twin.tv wurde die inzwischen von 1,16 Millionen Fans verfolgte Show World Wide Wohnzimmer, die es im Jahr 2016 auf die Shortlist des Webvideopreises brachte.

Benni & Dennis gibt's auch live - z.B. neulich in Offenbach

Benni & Dennis gibt’s auch live – z.B. neulich in Offenbach

Dieses virtuelle Wohnzimmer nahm und nimmt bis heute eine Sonderstellung unter den YouTube-Dingern ein; es handelt nämlich vor allem vom Leben im digitalen Raum. So eine Art “Rudis Tagesshow” für YouTube und die sozialen Netze, also mit Besprechungen und Witzen über diverse Influencer*innen und Personen mit digitaler Prominenz. Das Ganze als klassische Talkshow mit Gästen, kurzen Einspielern, Gags, Witzen, Aktionen etc. Würden die berüchtigten Joko & Klaas ihre Sachen ins Netz portieren, würde wohl etwas herauskommen wie das World Wide Wohnzimmer – aber dafür sind die einfach zu alt.

Die Herren Wolter in ihrer Rolle als Unternehmer

Die Herren Wolter in ihrer Rolle als Unternehmer

Jedenfalls habe ich die Zwillinge und ihr publizistisches Treiben über die Jahre verfolgt und die Hartnäckigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie sich aus dem Kinderzimmer in ihr eigenes Studio (leider in Köln…) gearbeitet haben, immer bewundert. Freundlich und höflich sind sie immer noch, was ihnen die Türen der alten Stars – von Thomas Gottschalk bis Peter Maffay – mit Leichtigkeit geöffnet hat. Nur, still sind sie nicht mehr, und dass sie Lust aufs Polarisieren haben, wusste ich bisher auch nicht.

Die Jungs haben keine Angst vor alten Menschen, nicht mal vor Peter Maffay...

Die Jungs haben keine Angst vor alten Menschen, nicht mal vor Peter Maffay…

[1] Stimmt es, dass ihr mit eurem YouTube-Kanal im heimischen Kinderzimmer angefangen habt?
Ja, das stimmt. Unser erstes “Studio” war tatsächlich Bennis Kinderzimmer, bzw. seine Fensterbank, darauf stand nämlich unsere Mini-Cam. Wir haben also mit Sonnenlicht gedreht, ökologische Nachhaltigkeit at its best.

[2] Influencer, Comedians, Hosts – was seid ihr denn nun eigentlich?
Bis vor ein paar Jahren war der Begriff “Influencer” noch verpönt. Auch wir zuckten immer ein bisschen genervt zusammen, als man uns so nannte. Obwohl wir ja streng genommen auch irgendwie ein Teil dieser Szene sind und waren. Mittlerweile sehen wir das entspannter: Wir sind Influencer, Comedians, Moderatoren, Geschäftsführer, Cutter, Texter und auch Reinigungskräfte, schließlich schrubben wir unser Studio noch immer selbst.

[3] Euch erwischt ja schonmal ein Shitstorm – wie geht ihr damit um?
Je öfter sowas passiert, desto besser lernt man, damit umzugehen. Aber das passiert eben, wenn man polarisiert, und das tun wir gern. Wichtig ist, sich auch entschuldigen zu können, wenn man tatsächlich einen Fehler gemacht hat. Dafür darf man sich nicht zu schade sein.

[4] Mal ehrlich: Wollt ihr nicht eigentlich doch lieber mehr ins olle, lineare Fernsehen? So à la Joko & Klaas?
Unser Hauptaugenmerk liegt aktuell bei einer tollen Show für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot “funk“. Nebenbei stehen aber bereits Projekte mit anderen Sendern in der Pipeline. Möchten uns da nicht festlegen, es kommt auf das Projekt an, schließlich gab es noch nie so viele Ausspielwege. Aber natürlich reizt uns das Fernsehen allein deshalb, weil wir ganz klassisch damit aufgewachsen sind. Und weil es noch immer eine besondere Strahlkraft inne hat.

[5] Habt ihr ein Leben neben dem World Wide Wohnzimmer?
Um ehrlich zu sein: jein. World Wide Wohnzimmer ist die Erfüllung unseres Lebenstraums, wir haben tolle Mitarbeiter, sind Geschäftsführer einer kleinen Produktionsfirma und dürfen hauptberuflich mit Menschen Quatsch machen, zu denen wir nicht selten im Kindesalter durch die Bude getanzt sind. Zum Beispiel Peter Maffay. Deswegen haben wir auch keinen klassischen Feierabend, wir werkeln 24/7 an unserem Projekt. Wenn wir aber tatsächlich mal entspannen wollen, machen wir uns einen feuchtfröhlichen Samstag in der Altstadt.

[alle Fotos: Felix Goergens]

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