Porträt · Nachdem aus dem unbedeutenden Dörfchen am unbedeutenden Flüsschen namens Düssel zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine nach den Maßstäben der damaligen Zeiten “richtige” Stadt geworden war, und zwar die Hauptstadt der vereinigten Herzogtümer von Jülich-Kleve-Berg, fasst der Rat der Stadt in Absprache mit dem Herzog den Ausbau zur Festung. Zwar Düsseldorf schon bald nach der Stadterhebung mit schützenden Gräben, Wällen und Palisaden befestigt worden, aber jetzt ging es um den Bau von Mauern, Türmen und Bastionen. Damit überhaupt noch Leute rein und raus kamen, wurden natürlich Tore in die Stadtmauern eingelassen – zwei rheinwärts, drei landeinwärts. Das einzige dieser Tore, dessen ursprünglichen Standort man wenigstens noch ahnen kann, ist das Ratinger Tor. [Lesezeit ca. 4 min]

Lage des Ratinger Tors um 1609 (Quelle: maps.duesseldorf.de)

Lage des Ratinger Tors um 1609 (Quelle: maps.duesseldorf.de)

Während das am Fluss gelegene Rheintor und sein Pendant, das Zolltor, sowie das Flinger Tor im Zuge des Friedensvertrags von Lunéville verschwanden, blieben das Ratinger und das Berger Tor als Zolltore in Betrieb. Das Berger Tor wurde gar erst 1895 abgerissen, weil es der Stadterweiterung Richtung Bilk im Wege war. Da stand das Ratinger Tor bereits in seiner heutigen Form als klassizistischer Bau mit zwei Torhäusern nach dem Entwurf von Adolph von Vagedes. Erbaut wurde es zwischen 1811 und 1815 – allerdings nicht an der Stelle, an der ab dem 14. Jahrhundert jeweils ein Ratinger Tor bestanden hatte, sondern rund 110 Meter weiter östlich versetzt. So wurde Platz für eine Prachtallee, die heutige Heinrich-Heine-Allee, geschaffen.

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Das Ratinger Tor um 1838 (Stich von Johann Wilhelm Spitz via Wikimedia)

Das Ratinger Tor um 1838 (Stich von Johann Wilhelm Spitz via Wikimedia)

Mit Sicherheit war das erste Stadttor aus dem 14. Jahrhundert hier nicht dasselbe wie jenes, das 1810 abgerissen wurde. Vermutlich stammte dieses aus dem 15. Jahrhundert und wurde im Verlauf der nächsten 300 Jahre mehrfach umgebaut, erweitert und verschönert. Der Name “Ratinger Tor” wird urkundlich erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts erwähnt; der Verlauf der Landstraße nach Ratingen ist heute auf dem Stadtplan noch recht gut nachzuvollziehen und beginnt mit dem heutigen Fußweg durch den Hofgarten zur Sternstraße, weiter über die Winkelsfelder und Eulerstraße bis zur Münsterstraße, dann ab dem Mörsenbroicher Ei als Sankt-Franziskus-Straße und später die Reichswaldallee. Am Ratinger Tor begann die Ratinger Straße, die in die älteste in Lage und Länge erhaltene Straße namens “Altestadt” mündet.

Bauzeichnung: Das Ratinger Tor ab dem 17. Jahrhundert samt Windmühle (Abb. via Wikimedia)

Bauzeichnung: Das Ratinger Tor ab dem 17. Jahrhundert samt Windmühle (Abb. via Wikimedia)

Neben der Flinger war die Ratinger Straße die zweite wichtige “Geschäftsstraße” im alten Düsseldorf, also keine längste Theke, sondern Zentrum der Handwerker und Händler mit ihren Häusern. Um 1610 herum wurde die städtische Windmühle (es gab nur die eine…) neben das Ratinger Tor auf einen Hügel verlegt – so hatte das Ensemble aus Mauer, Tor und Mühle dann bis etwa 1755 unverändert Bestand. Nachdem das Rheinland im Zuge der napoleonischen Kriege an Frankreich gefallen war, war die Festung der Stadt, also der Ring aus Mauern, Bastionen und Tore unnötig geworden und war der geplanten Stadterweiterung im Weg. So wurde die gesamte Anlage östlich der Altstadt geschleift; hier entstand ab 1803 der Hofgarten wie wir ihn heute kennen – und zwar mitsamt der Maximilian-Weyhe-Allee. An deren Ende zur Ratinger Straße hin sollte anstelle des alten Stadttors nun ein repräsentatives, zum Hofgarten passendes Bauwerk entstehen.

So sah es auf der Ratinger Straße mit Blick aufs Tor noch im 18. Jahrhundert aus (Abb. via Wikimedia)

So sah es auf der Ratinger Straße mit Blick aufs Tor noch im 18. Jahrhundert aus (Abb. via Wikimedia)

Architektonisch angesagt war der Klassizismus wie ihn vor allem Schinkel in etlichen Bauwerken in Berlin sowie von Fischer und von Gärtner in München umgesetzt hatten. Und eigentlich hatte man Vagedes auch zu dem Zweck nach Düsseldorf geholt, hier klassizistisch zu bauen. Tatsächlich aber blieb das Ratinger Tor neben dem Hondheim’schen Palais, das im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, das einzige Gebäude, das nicht nur klassizistische Element aufweist, sondern – zumindest von außen – den Baustil durch seine Giebel und Säulen in reinster Form repräsentiert. Ursprünglich waren die beiden Torhäuser auf der Westseite durch einen hohen schmiedeeiserenen Zaun mit einem doppelflügeligen Tor verbunden, das von Wachen beaufsichtigt wurde. Tatsächlich diente das Ratinger Tor bis zur Gründung des Deutschen Reiches mit seinem modernen Steuerrecht noch als Zollstelle, vor allem für eingeführte Lebensmittel.

So gepflegt sieht es dank der Düsseldorfer Jonges im nördlichen Torhaus aus (Foto: Düsseldorfer Jinges)

So gepflegt sieht es dank der Düsseldorfer Jonges im nördlichen Torhaus aus (Foto: Düsseldorfer Jinges)

Im Krieg blieben beide Torhäuser unbeschädigt, standen aber beide zunächst leer. Dann ließ sich Prof. Tamms, der Düsseldorf im Sinne der Nazi-Stadtplanung zur autogerechten Stadt umbauen wollte, sich das südliche Torhaus zur Wohnung ausbauen, das dann im Volksmund “Onkel Tamms Hütte” genannt wurde. Danach beherbergte es über Jahrzehnte die einflussreiche Kunstgalerie von Helga Neblung, die von Hete Hünermann abgelöst wurde. Nach einigen Jahren Leerstand überließ die Stadt das südliche Torhaus dem damaligen Akademiepräsidenten Markus Lüpertz, der dort bis 2017 hauste und das Gebäude in einem fürchterlichen Zustand hinterließ. Das nördliche Torhaus wurde nach dem Krieg lange vor allem vom Gartenamt als Lager benutzt; seit 1984 ist es an den Heimatverein Düsseldorfer Jonges verpachtet, die es 2012 aufwändig sanieren ließen und es für Versammlungen und Feiern nutzen.

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für die wieder interessanten Information. Es macht immer wieder Spaß, diese zu lesen.

  2. Als Mieter muss man sich gewöhnlich nicht um den Zustand der Außenfassade kümmern. Dass Lüpertz den Penner gestattete, dort zu übernachten, finde ich eher sympathisch. Und von einem Schnappschuss durch das Fenster in eine unaufgeräumte Küche auf den Zustand der restlichen Wohnung zu schließen, halte ich für gewagt.

    • Günther A. Classen am

      Ist denn eine Küche nicht “die Visitenkarte des Hauses”?
      (Hab’ ich mal irgendwann in grauer Vergangenheit gelernt, aber gilt wahrscheinlich im digitalen Zeitalter nicht mehr.)

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