Geständnis: Ich bin Düsseldorfer, mag Köln aber trotzdem

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[Achtung: Es handelt sich um einen langen Text ohne Bilder und Zwischenüberschriften!] Als ich neulich nach der Fahrt zum Auswärtsspiel der glorreichen Fortuna in Frankfurt nachts um halb zwei auf dem Kölner Hauptbahnhof strandete und weit über eine Stunde auf einen Zug nach Düsseldorf warten musste, machte ich mir wieder einmal Gedanken über diese komische Stadt mit dem Dom, der mich von oben herab anschaute. Da fiel mir ein, was ich Anfang des Jahres in einem anderen Artikel, der sich mit der Rivalität der Rheinmetropolen geschrieben hatte:

…um dem Ganzen die Schärfe zu nehmen, bekennt der Verfasser, dass er Köln eigentlich ganz spannend findet, sich nicht ungern in Köln aufhält, zwei Jahre lang in Köln gearbeitet hat, das Museum Ludwig liebt, die Bläck Fööss verehrt, gern mal ein Kölsch trinkt und in ein echtes kölsches Mädschen ziemlich verliebt war.

Wir wissen ja inzwischen, dass die angebliche „Erzfeindschaft“ zwischen Düsseldorf und Köln noch nicht sehr alt ist, dass Ausgangspunkt der Neid der Kölner darauf war, dass Düsseldorf Landeshauptstadt wurde und dass es der ehemalige Oberbürgermeister der Domstadt, Konrad Adenauer, persönlich war, der die Rivalität kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs angezettelt hat. Dabei hatte Düsseldorf in den Kriegsjahren einfach nur Schwein gehabt: Während Köln zu über 80 Prozent zerstört war, hatten die Alliierten in Düsseldorf „nur“ 40 Prozent der Gebäude in Grund und Boden gebombt. Und weil die Briten das Sagen im noch zu gründenden NRW hatten und in Düsseldorf saßen, während Köln französisch besetzt war, wurde unser schönes Städtchen am Rhein eben zur Kapitale des Bundeslandes.

So richtig bös miteinander waren die Bewohner der beiden Orte eigentlich nie – ausgenommen rund um die Fußballspiele zwischen der glorreichen Fortuna Düsseldorf und dem erst 1948 durch Zwangsfusion diverser Dorfvereine in der Retorte entstandenen Äff-Zeh Köln. Die Rivalität im Eishockey, die sich beim ewigen Derby zwischen der ruhmreichen Düsseldorfer EG und den Kölner Tunfischen Bahn bricht, hat dagegen eher folkloristischen Charakter und ist insgesamt mit viel Humor und Selbstironie ausgestattet. Und trotzdem reden die Eingeborenen beider Metropolen von der jeweils anderen als der „verbotenen Stadt“, und es gehört sich einfach, das jeweils andere Bier aufs Übelste zu verunglimpfen. Dabei ist die Brauart von Alt und Kölsch ein verbindendes Element: Beide Sorten werden nämlich nach dem obergärigen Verfahren hergestellt.

Verbindend ist auch die – zumindest teilweise – Zugehörigkeit zum Rheinland. Aber, sowohl in Köln, als auch in Düsseldorf mischt sich in die rheinische Fröhlichkeit ein eher melancholisches Element. In der Domstadt sind es die vielen Verbindungen zur Eifel, deren Ureinwohner als ein wenig schwermütig gelten. Die Landeshauptstadt ist dagegen mit der ebenfalls eher schlechtgelaunten Art des Bergischen durchsetzt. Das gilt natürlich so nur für „echte“ Kölner und Düsseldorfer, also Menschen, die in der jeweiligen Stadt geboren sind und deren Familien idealerweise schon mindestens zwei Generationen dort gelebt haben. Weil aber seit vielen Jahren jede Menge Auswärtige aus beruflichen Gründen in eine der beiden Städte ziehen – in Köln nennt man sie „Immis“, als Abkürzung für „Immigranten“ – gibt es gar nicht viele echte Düsseldorfer und Kölner.

Die Echten aber verstehen sich alles in allem ganz gut. Besonders, wenn sie in der Fremde aufeinandertreffen und sich an gemeinsamen „Feinden“ abarbeiten können. Dann sind sie alle bloß noch Rheinländer, die eigentlich gegen alles, was nicht rheinisch ist, mit großer Geschlossenheit, angemessener Trinkfreude und gern auch beißendem Witz vorgehen. Tatsächlich sind es vor allem Kölner Immis, deren Verhältnis zu Düsseldorfer am Rande von Hass daherkommt. Es scheint, als meinten solche Immis, sie müssten ihr Kölschsein durch besonders große Aversion beweisen. Es ist dieselbe Sorte, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein „Kölschjeföhl“ posaunt, das dem echten Kölner im Blut steckt, sodass er es nicht zelebrieren muss.

Im Gegenteil: Das oben erwähnte kölsche Mädschn, in das ich verschossen war, stammte aus einer der ältesten Kölner Familien, was man daran ablesen kann, dass der Clan über eine Gruft auf dem Melatenfriedhof verfügt, in der sage-und-schreibe sechs Generationen begraben liegen. Julia (nennen wir sie einfach mal so) war völlig frei von irgendwelchen Abneigungen gegen Düsseldorf und die Düsseldorfer. Und dass als Mitglied des Äff-Zeh seit ihrer Geburt sowie Mitgliedschaft in einer der ältesten kölschen Karnevalsgesellschaften. Außerdem trank sie ohne Zeichen einer Allergie gern und viel Düsseldorfer Altbier. So, und an dieser Stelle muss es raus: Ja, ich trinke gern, wenn auch nicht viel Kölsch. Und dass als Sohn eines Mitarbeiters einer ehemals führenden Altbierbrauerei.

Als wir vor rund 40 Jahren in einer Land-WG in Straberg bei Dormagen hausten, tranken wir übrigens auch mehr Kölsch als Alt, obwohl sich das Dorf gerade eben südlich der Kölsch-Alt-Linie befand und der Bierverleger vor Ort neben den wichtigsten zwölf Kölsch-Sorten auch verschiedene Varianten des herrlichen dunkelbrauen Altbiers sowohl in Flaschen, als auch im Fass im Angebot hatte. Ich gestehe außerdem, dass ich mich in den urtümlichen Kölner Brauhäusern genauso wohlfühle wie beispielsweise im Schumacher an der Oststraße, im Uerige oder im Füchschen. Die Atmosphäre ist ähnlich, die Gastfreundschaft groß, und die echten Kölner, die da hocken, sind ebenfalls weltoffen und beziehen Fremde gern in ihre Runde mit ein.

Vermutlich werde ich einen heftigen Shitstorm ernten, wenn ich auch bekenne: Ich mag die kölsche Mundart. Julchen beherrschte die, und nicht selten bat ich sie, mir was auf Kölsch zu erzählen. Geprägt in dieser Richtung hat mich eine Band aus der Domstadt, die ich hoch verehre und von der ich mehrere Alben besitze: die Bläck Föös. Eigentlich bin ich sogar neidisch darauf, dass es eine solche Einheit aus Musik und Sprache in Köln gibt – und in Düsseldorf nicht. Das gilt auch – mit Einschränkungen – für BAP und den rheinischen Dylan, Wolfgang Niedeggen (der übrigens ein gerüttelt Maß an Eifel-Melancholie mit sich trägt). Hach, was wäre das toll, die Toten Hosen täten in der Düsseldorfer Mundart singen – vielleicht kommen die Jungs ja noch drauf.

Natürlich ist die Stadt Köln furchtbar hässlich und auf abenteuerlichste Weise verbaut. Musste nach dem Krieg halt schnell gehen mit dem Wiederaufbau, das ist klar. Außerdem waren die historischen Vorbedingungen den Kölner nicht sehr gnädig: Überall lungern römische Reste in der Erde, und wenn sie eine Baugrube ausheben, kann es sein, dass zusätzlich ein Brocken Mittelalter zum Vorschein kommt. In den Nachkriegsjahren haben sie darauf keine Rücksicht genommen, sondern gebaut, wo gerade ein Grundstück geeignet war. Und weil offensichtlich kaum jemand jemals ein Interesse daran hatte, Köln schönzumachen (ganz im Gegensatz zu Düsseldorf!), sind weite Teile der Stadt auf wundersame Weise angeranzt.

Hinzu kommt eine multikulturelle Vielfalt, die geradezu rührend ist. Neulich ging ich auf dem Weg zu einem Termin durch die Keupstraße in Mülheim, den Ort dieses schrecklichen Attentats der NSU-Schweine. Es ist ein bisschen wie eine Mischung aus Izmir und Tunis mit einem Hauch Libanon. Auf jeden Fall riecht es so, und die Menschen lieben es, auf der Straße zu leben. Da kann unsere Kölner(sic) Straße in Oberbilk nicht wirklich mithalten. Und, nein, man muss das nicht verklären, aber wenn man mit den Leuten diverser ethnischer Herkunft dort redet, wird man immer wieder eines hören: Ich bin Kölner.

Von Ureinwohnern von Porz, Dellbrück und auch Teilen von Mülheim wird man das eher nicht hören. Denn die hat man zwangseingemeindet, was bedeutet, dass sie dort ebenfalls Kölsch trinken und für den Äff-Zeh und die Haie sind – aber nur, wenn kein „echter“ Kölner zuhört. In diesem Punkte ähneln sich die Städte wieder sehr: Jeder Eingeborene liebt zuerst sein Dorf, sein Viertel, erst dann die Stadt. In diesem Sinne verstehen sich ja auch die Menschen, die in der Düsseldorfer Altstadt geboren sind und/oder deren Familien dort schon ewig leben, als einzig wahre Düsseldorfer. Da sieht in Köln ein bisschen anders aus, was natürlich mit der Geschichte zusammenhängt: Köln war schon vor 2000 Jahren groß, Düsseldorf ist es erst seit der Gründerzeit von vor ungefähr 150 Jahren.

Als geborener Düsseldorfer bin ich mit dem ganzen Klumpatsch aus Kunst, Mode und Werbung großgeworden. Es ist dies das Erbe der wunderbaren Anna Maria Luisa d’Medici, der Gattin des Jan Wellem, die uns die Kultur aus Florenz mitgebracht hat. Derlei hat Köln eher nicht zu verzeichnen, denn die Stadt, deren Dom nach nur 700 Jahren Bauzeit halbwegs fertig geworden ist, war immer eine Metropole des Handels. Und die Koofmichs hatten es früher nicht so mit der Musik, der Malerei und diesem ganzen wenig profitträchtigen Quatsch. In Köln blühte über die Jahrhunderte die Volkskunst, und es dauerte bis über den zweiten Weltkrieg hinaus, dass an sich dort dazu durchrang, ernstzunehmende Museen einzurichten.

Über alles gerechnet bin ich am häufigsten nach Köln gereist, um ein Museum (oder ein Konzert – dazu gleich mehr…) zu besuchen. Das Museum Ludwig liebe ich sehr, das Römisch-Germanische Museum ist eines der spannendsten weit und breit, und das Wallraff-Richartz-Museum MUSS man mindestens einmal besucht haben. Typisch aber, dass sich die Stadt Köln vor einigen Jahrzehnten ungeheuer darum bemüht hat, die wichtigsten Kunstmessen zu veranstalten, also da aktiv zu werden, wo Bilder und Skulpturen vertickt werden. Und das, was sich in Düsseldorf rund um die Akademie als Kunstszene seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, gibt es in Köln nicht – auch wenn eine Reihe höchst erfolgreicher Künstler heute ihre Ateliers in der Domstadt haben.

Man mag es als Düsseldorfer mögen oder nicht: Köln ist eine Millionenstadt. Das liegt zwar vor allen an den rabiaten Eingemeindungen im vergangenen Jahrhundert, aber ändert nichts daran, dass Köln schon immer richtig groß war. Nie sind sich die beiden Rheinmetropolen in Sachen Einwohnerzahl nähergekommen als den Sechzigerjahren, als man in Düsseldorf mehr als 700.000 Seelen zählte, während Köln gerade mal knapp 200.000 Menschen mehr in seinen Mauern beherbergte. Die schiere Größe hat immer dazu geführt, dass Köln ein erheblich größeres Angebot an populärer Kultur zu bieten hatte, also mehr Orte für Pop, Rock und Jazz, Volkstheater, Kleinkunst und Travestie. Und das ist der Grund dafür, dass man als Düsseldorfer ziemlich oft im Zug nach Kölle sitzt, weil man sich einen Gig im E-Werk, im Palladium oder in der Gloria gönnen will.

Ja, man fährt am besten mit dem Zug. Denn was den Autoverkehr angeht, ist ganz Köln eine einzige Katastrophe. Vermutlich besuchen Verkehrsplaner die Stadt vor allem um zu lernen, wie man es nicht machen sollte. Der Wahnsinn reicht von einer geradezu absurden Beschilderung, über surreale Verkehrsführungen, abenteuerliche Zustände der Fahrbahnen bis hin zu viel zu wenig Parkplätzen und horrenden Parkgebühren. Es macht keinen Spaß, mit dem Pkw nach Köln zu fahren. Deshalb reist man von Düsseldorf nach Köln am besten mit dem Zug. Und weil der Hauptbahnhof direkt am Rhein und neben dem Dom ein wichtiges Drehkreuz des Personenschienenverkehrs ist, gibt es ungefähr siebenundsiebzig Möglichkeiten auf Gleisen in die Nachbarstadt zu kommen.

Dann landet man auf diesem Bahnhof, der irgendwo zwischen erhabener Schönheit, zum Himmel stinkendem Dreck, zwischen völligem Chaos und dem Esprit legendärer Bahnhöfe wie dem Gare de l’Est in Paris, der Victoria Station in London und Roma Termini oszilliert. Da steht man dann auf einem Bahnsteig, bewundert die feingliedrige Dachkonstruktion und das ewige 4711-Zeichen an der Stirnseite, sieht den Dom gleich nebenan und den Rhein, wenn man den Perron bis ganz nach vorne entlang marschiert. Als Düsseldorfer weiß man dann, dass es nun entweder nachhause geht oder weiter zu Zielen, die auf jeden Fall schöner sind als dieses Köln.

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2 Kommentare

  1. Die Verbindungen zwischen Köln und Düsseldorf sind zahlreicher als uns dass die heutigen Medien vorgaukeln. So hat mir ein Überlebender der sechsten Armee berichtet, dass das Lied „Ich mööch zo Foss no Kölle jon“ als Erkennungsmelodie diente, die angepfiffen wurde und wenn die Melodie zu ende gepfiffen werden konnte schoss man halt nicht. Das eigentliche „halt wer da“ oder was auch immer hat sich wohl als untauglich erwiesen. Man war halt Rheinländer und nicht Kölner, Düsseldorfer oder Neusser. Eigentlich hat Neuss den Düsseldorfern doch viel mehr geschadet als Köln. Jedenfalls wenn ich den Geschichten aus Neuss glauben schenken darf, dass man früher gerne über den Rhein gepaddelt ist, das Dörfchen niedergebrannt, die Frauen vergewaltigt, das Vieh eingepackt um sich dann schnell wieder zurück hinter die eigenen Befestigungsmauern zu retten. Ich habe es nie überprüft, es klang für mich als in Neuss Geborener und Aufgewachsener aber sehr logisch.

  2. Lothar G am

    Schön, daß hier mal jemand eine Lanze für die Bläck Fööss bricht. Für meinen Geschmack hatten sie mit Tommy Engel ihre mit Abstand beste Zeit. An Musikalität und ironischem Witz aktuell höchstens mit den Ärzten zu vergleichen. Schade, daß LSE die Nachfolgeband von Tommy Engel mit dem genialen Arno Steffen und Rolf Lammers auch nicht mehr existiert. Die hatten einen ähnlichen Ansatz.

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