Bericht · Der hochgeschätzte Kollege Bernd Jolitz von der Sportredaktion der Rheinischen Post hält nicht damit hinterm Berg, dass sein Herz nicht nur für die zauberhafte Fortuna schlägt, sondern auch für den FC Everton, den Stadtrivalen der Reds von der Merseyside. Warum das so ist, hat er möglicherweise schon einmal aufgeschrieben, und wenn nicht, wird er das sicherlich noch tun. Dies als ein Beweis, dass man sehr wohl Fan von mehr als einem Club sein kann. Natürlich ist schlicht undenkbar, dass jemand gleichzeitig zu F95 und dem Äff-Zeh oder den Ostholländern hält, deshalb wollen wir derartige Perversitäten einmal ganz ausblenden. Für diesen Beitrag ist ebenfalls irrelevant, dass ein:e Anhänger:in des deutschen Meisters von 1933 noch einen Heimatverein hat, also einen Club aus der Stadt, der südlich der vierten Liga kickt. Betrachten wir also nur Doppel-Fan-Schaften, die einen oder mehrere ausländische Vereine betreffen. [Lesezeit ca. 8 min]

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Für dieses Experiment muss Ihr über alle Maßen ergebene Fortuna-Berichterstatter einmal seine Rolle verlassen und in die Ich-Perspektive wechseln – das Thema ist einfach zu persönlich, ja, zu intim. Denn ich möchte einmal von meinen Gefühlen für Clubs in Italien, England und den Niederlanden erzählen; zu jedem dieser Fan-Zustände gibt es eine Geschichte. Beginnen wir mit der traurigsten von allen:

Italien: AS Livorno und Cristiano Lucarelli

Am 2. Mai 2021 trat der AS (beziehungsweise US) Livorno zum vermutlich allerletzten Mal an. In einem Ligaspiel gegen einen Club namens Pro Sesto in der Serie C / Girone A fing man sich ein 0:2, das den Abstieg ins vierte Untergeschoss des italienischen Fußballs besiegelte. Und weil der Verein, unter anderem bei der Stadt Livorno, erhebliche Schulden hat und der umstrittene Eigentümer Aldo Spinelli seine Anteile im Herbst 2020 verkauft hatte, ging dieser 1915 gegründete Traditionsclub in die Insolvenz. Anders als hierzulande gibt es in Italien nur wenige Möglichkeiten, einen Verein, der insolvent ist, wiederzubeleben. Also konnte AS Livorno in der Serie D, die im August startete, nicht antreten, also nicht einmal ein Amateurteam auf die Beine stellen. Aktuell bemüht sich eine Fan-Initiative namens „Livorno Popolare“ um die Übernahme und Reanimation – erfolgreiche wäre die nur, wenn die Stadt zustimmt und ihre Forderungen auf Null setzt.

Cristiano Lucarelli, AS Livorno - mein Held (Foto via arte.tv)

Cristiano Lucarelli, AS Livorno – mein Held (Foto via arte.tv)

Mein Herz schlägt schon lange für diese toskanische Hafenstadt, die so etwas ist wie die schmuddelige Schwester von Pisa, deren Einwohnern die Livornesi in herzlicher Feindschaft gegenüberstehen. Eine bedeutende Hafenstadt war Livorno schon immer, aber mit der Industrialisierung entwickelte sie sich zu einem wichtigen Werftenstandort, und zeitweilig wurden dort Autos der Marke Bizzarini gebaut. Und weil die Arbeiter die wichtigsten Bürger waren, war und ist Livorno politisch immer links; immerhin wurde hier die kommunistische Partei Italiens gegründet und über 70 Jahre stellten die Kommunisten immer die Mehrheit im Stadtrat und den jeweiligen Bürgermeister. Da aber auch die Tifosi des US bzw. AS mehrheitlich links eingestellt waren (und sind), andererseits die Fans etlicher Clubs der Serie A und B mehr oder weniger faschistisch eingestellt waren (und sind), hatten die Anhänger aus der Hafenstadt unter dem Hass und der Gewalt anderer Fans zu leiden.

Als jemand, der von Ende der Siebziger- bis weit in die Neunzigerjahre regelmäßig auf Korsika Ferien machte, hatte ich immer schon ein besonderes Verhältnis zu dieser Stadt, die einst von den Medici gegründet, im zweiten Weltkrieg erheblich zerstört wurde, über eine pittoreske Altstadt verfügt, aber insgesamt doch eher hässlich ist. Denn wir nahmen fast immer die Fähre von Livorno nach Bastia. Und dann stieß ich 2003 auf die Geschichte des Cristiano Lucarelli, des vielleicht begabtesten Fußballers, den die Stadt je hervorgebracht hat. Der hatte ab 1992 eine ziemlich unstete Karriere hingelegt, zählte aber zu den Besserverdienern der Serie A. Als dann sein Verein gegen jede Wahrscheinlichkeit nach vielen Jahren in die Serie B aufstieg, kam Lucarelli zurück – und verzichtete so auf ein mögliches Jahresgehalt von mehr als 500.000 Euro.

Die Brigate Autonome Livornesi in Aktion (2006; via Wikimedia)

Die Brigate Autonome Livornesi in Aktion (2006; via Wikimedia)

Und der half mit, den AS Livorno nach beinahe 50 Jahren wieder in die Serie A zu bringen. Seitdem ist Lucarelli mein Held und Livorno ein Verein meines Herzens. Die beste Hälfte meines Lebens, die davon wusste, schenkte mir 2004 einen Original-Hoodie der ziemlich radikalen Fan-Organisation „Brigate Autonome Livornesi“, die von Lucarelli als Mitglied Nr. 99 bis zu deren Auflösung 2006 nach Kräften unterstützt wurde. Bezeichnend für den Geist der Livornesi: Bis zum letzten Heimspiel wurde seit dem Ende des zweiten Weltkriegs vor dem Anpfiff von den Zuschauern die Partisanenhymne „Bella Ciao“ gesungen – gern gefolgt von wüsten Beschimpfungen korrupter Politiker wie Berlusconi. Ich hoffe sehr, dass der US Livorno eine Auferstehung lebt, denn einmal in meinem Leben möchte ich doch mal ein Heimspiel im leicht verrotteten Stadion Armando Picchi sehen.

Livorno Fans Lucarelli Bella Ciao

England: Chelsea FC … trotz allem

Die Geschichte dieser Zuneigung reicht mehr als 50 Jahre zurück. 1967 war ich mehrere Monate als Austauschschüler in England, genauer: in Woking, Grafschaft Surrey. Das ist in der Nähe von Reading, aber der dortige Fußballclub war seinerzeit nicht einmal bei den Leuten außerhalb der Stadt sonderlich beliebt. Dafür fuhren mein Freund Dave und ich bei jeder Gelegenheit mit dem Vorortzug (mit Dampflok!) nach London. Okay, es war die Ära von Swinging London, Carnaby Street und Beat-Musik. Wir waren zwar erst knapp 15, aber anscheinend waren die Regeln damals nicht sonderlich streng, sodass wir ohne elterliche Begleitung problemlos in die aufregenden Konzerte jener Tage – wir sahen Pink Floyd im Roundhouse und Cream in einer Location, an die ich mich nicht erinnere.

Chelsea FC - der Kader 1967/68 (Foto via Media Storehouse)

Chelsea FC – der Kader 1967/68 (Foto via Media Storehouse)

Eines Tages beschlossen wir, und einmal ein Fußballspiel anzuschauen. Dave war, beeinflusst durch den Vater, echter Fan der Tottenham Hotspurs, und angesetzt war deren Begegnung mit dem Lokalrivalen Chelsea. Wie das so ist: Natürlich konnte ich nicht auch für die Spurs sein, wurde also auf die Schnelle Anhänger des Chelsea FC. Es war Mitte November, und wir machten uns auf zur White Hart Lane mitten in Tottenham. Wir standen im neutralen Bereich auf der unüberdachten Tribüne und froren uns den Hintern ab. Hauptsächlich war es aus meiner Sicht ein Duell der Keeper, Pat Jennings auf Spurs-Seite, Peter Bonetti bei Chelsea. Außerdem eine ziemlich zähe Angelegenheit, die bis zur 90. Minute 0:0 stand. Und dann machten die Spurs innerhalb von anderthalb Minuten zwei Tore und gewannen 2:0. Klar, dass ich Daves Häme auf der gesamten Rückfahrt und in den folgenden Tagen ertragen musste.

Natürlich lernte ich „Blue is the colour“ und summte das nicht selten vor mich hin. Und selbstverständlich verfolgte ich, nach Düsseldorf zurückgekehrt, was die Blues so trieben. Ich freute mich als sie 1970 den FA-Cup holten, und klar, dass ich die Endspiele im Europapokal der Pokalsieger (nur das erste Spiel, so meine Erinnerung, gab es live im Fernsehen…) verfolgte. Denn nach einem 1:1 nach Verlängerung (Elfmeterschießen oder Golden Goal gab’s noch nicht) schlugen die Blues das große Real Madrid im Entscheidungsspiel mit 2:1 schlugen. Dabei war das Team tatsächlich auf sechs Positionen (inklusive Peter Bonetti) identisch mit dem, dessen Wirken ich im November 1967 gesehen hatte. Immer noch neige ich, Abramowitsch hin oder her, dazu, den Blues die Daumen zu drücken. Über die beiden gewonnenen Champions-League-Titel habe ich mich sehr gefreut.

Niederlande: ADO Den Haag – der Club meiner holländischen Freunde

Und das ist der Verein, der als letzter in meine Riege der ausländischen Clubs, zu denen ich stehe, kam. Irgendwann im Frühjahr 2019 schlug mein Freund Smicek (der auf TD für die DEG-Berichte zuständig ist) vor, mindestens ein Spiel der deutschen Frauennationalmannschaft bei der WM in Frankreich zu besuchen. Wir entschieden uns für das Vorrundenspiel gegen Spanien in Valenciennes, dem nächstgelegenen Spielort. Der nordfranzösische Ort ist hübsch, und von den Parkplätzen am Rand der Innenstadt kann man bequem zum Stadion laufen. Womit wir nicht gerechnet hatten: Der Event war vollkommen auf Familientauglichkeit getrimmt – man servierte ausschließlich Softdrinks aus dem Coca-Cola-Konzern und bot allerlei Kinderbespaßung an.

Als uns die Freunde von ADO Den Haag im September 2019 besuchten (Foto: TD)

Als uns die Freunde von ADO Den Haag im September 2019 besuchten (Foto: TD)

Und für die Raucher unter den Zuschauenden hatte man hinter einigen Aufgängen zu den Tribünen gelb markierte Zonen von geschätzt 2x3 Metern eingerichtet, jeweils ganz hinten am Zaun. Also trafen sich die Nikotinlinge dort. Smicek und ich qualmten und quatschen über Fortuna. Neben uns ein Typ mit Schalke-T-Shirt, den wir irgendwann so ein bisschen foppten. Es stellte sich heraus, dass Jetze, so sein Name, Holländer war, Groundhopper und Stewart bei ADO Den Haag. Das Shirt hatte er bei einem der Ausflüge nach Deutschland, die er mit seinen Ordnerfreunden regelmäßig unternahm, auf Schalke erworben hatte. Aber Fortuna wolle er auch gern mal sehen. Wir tauschten Kontaktdaten aus, und wenige Tage später bekam ich eine Mail von Jetze, sie würden gern zu zwölft die Partie F95 gegen Freiburg sehen.

In Grün und Gelb: ADO Den Haag (Foto via tellerreport.com)

In Grün und Gelb: ADO Den Haag (Foto via tellerreport.com)

Über die Fortuna besorgte ich vergünstigte Karten und arrangierte einen Fanschaltausch. Später gingen wir zusammen in die Altstadt, um bei Mile Miletic im Ham-ham lecker zu speisen und ein Bierchen zu trinken. Die Gegeneinladung ließ nicht lange auf sich warten. Im April 2020 sollten wir zu der Begegnung des VVV Venlo gegen ADO nach Den Haag kommen. Corona sei dank kam es nicht dazu, und es wird wohl bis zum kommenden Frühjahr dauern bis wir mal dorthin reisen. Inzwischen ist ADO nach einer katastrophalen Saison abgestiegen, macht sich in der zweiten Liga doch so gut, dass ein direkter Wiederaufstieg im Rahmen der Möglichkeiten liegt.

Übrigens: Mit Wilko, der ein glühender FC-Bayern-Fan ist (der hat sich „Mia san mia“ auf den Arm tätowieren lassen…), bin ich inzwischen gut befreundet, und er war nun schon dreimal zum Fortuna-Gucken in Düsseldorf.

[Bildnachweise – Cristiano Lucarelli via arte.tv; Brigate Autonome Livornesi: Lucarelli via Wikimedia unter der Lizenz CC BY-SA 3.0; Chelsea FC 1967/68 via mediastorehouse.com; ADI Den Haag via tellerreport.com]

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