Post vom Rainer: Lieber Bernhard Paul…

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…ich kenne Sie nicht persönlich, aber ihre mediale Erscheinung ist mir nicht sonderlich sympathisch. Mit ihrem Zirkus Roncalli kann ich auch nicht viel anfangen. Nur einmal war ich in einer Vorstellung. Das war 1980, als am selben Abend zufällig Joseph Beuys und Andy Warhol anwesend waren. Das hat’s rausgerissen. Mir ist Ihre ganze Zirkusnostalgie zu verschwiemelt, und schon damals haben Sie damit vor allem diese Sorte Menschen angezogen, die ganz besoffen von ihrem eigenen guten Willen sind und meinen, sie wüssten, was das Schöne ist. Geschenkt. Denn ich freue mich trotzdem jedes Mal, wenn die Roncalli-Zeltstadt im Rheinpark aufgebaut ist, einfach weil das so schön aussieht.

Ein Roncalli-Plakat: Voll die verschwiemelte Zirkusromantik

Ein Roncalli-Plakat: Voll die verschwiemelte Zirkusromantik

Sie, lieber Bernhard Paul, sind ja auch ein berühmt-berüchtigter Netzwerker. Wie sonst hätten Sie diese Ausnahmegenehmigung erreichen können? Da muss man sich natürlich mit den Stadtgrößen gutstehen. Besonders mit dem OB und anderen Menschen, die auf so etwas Einfluss nehmen. Wie sehr der derzeitige Oberbürgermeister Thomas Geisel Sie und ihr circensisches Großunternehmen liebt, wird deutlich, wenn man weiß, dass er Schirmherr der einmonatigen Veranstaltung ist. Wohlgemerkt: Ein gewählter OB ist Schirmherr einer strikt kommerziellen Unternehmung. Geschenkt. Denn ich bewundere ihre wahnwitzige Hartnäckigkeit, mit der Sie das Projekt Roncalli in all den Jahren gegen jeden Widerstand und unter schwierigsten Umständen durchgezogen haben.

Dass nun ein paar mediengeile CDU-Lokalpolitiker meckern, Sie hätten die Stadt mit viel zu vielen Werbeplakaten zugesch…, äh, zugepflastert, ist natürlich blasser Neid, weil momentan keiner aus dem christdemokratischen Wahlverein Schirmherr sein darf. Vielleicht hat die zugehörige Ratsfraktion aber auch bloß zu wenige Freikarten gekriegt oder bei der Eröffnung die schlechteren Plätze. Obwohl: Bei Licht betrachtet wirkt es dieses Jahr auf mich auch so, als ob kein Zaun, keine Achtzehneintel-Wand und kein Laternenpfahl ungeschoren davongekommen wäre, als die Plakatverteiler Ihres Außenwerbungsdienstleisters in Düsseldorf unterwegs waren.

Nun haben sie ja äußerst beleidigt auf die CDU-Kritik reagiert, ja, beinahe hysterisch, und darauf hingewiesen, dass die Roncalli-Plakate dich sooo schön sind, dass sie mehrfach preisgekrönt wurden. Nun ja, der eine trinkt gern Bier, der andere isst gern Himbeereis. Ich persönlich kann an diesen Plakaten nichts Schönes finden. Ja, sie mögen handwerklich sauber gestaltet sein, aber diese rückwärtsgewandte Überhöhung der „Zirkuskultur“, die nie so war wie Ihr Roncalli, geht mir auf die Nerven. Aber, geschenkt. So sehr wie die konservativen Ratsleute stören sie mich nicht.

Ich frage mich vor allem, ob die Kosten für dieses ganze Papier, die ganze Pappe – mal nature, mal mit Plastik kaschiert – nicht raus geschmissenes Geld sind. Vermutlich gehen Sie (und ich ahne, dass Sie es ganz allein sind, der bestimmt, wie für den Zirkus Reklame gemacht wird, weil sie ja fast alles ganz allein und – wie man hört – auch gern gegen die Empfehlungen von Beratern entscheiden) davon aus, dass NOCH MEHR Zuschauer kommen, wenn NOCH MEHR Leute NOCH MEHR Roncalli-Plakate sehen. Wenn Sie das wirklich glauben, haben Sie die Trends der letzten Jahre noch viel mehr verschlafen als ich dachte. Die Menschen hassen Reklame! Sie freuen sich umso mehr, je weniger sie mit Werbung belästigt werden. Und: Die Wirkung von Außenwerbung ist sehr, sehr umstritten. Wenn Sie, lieber Bernhard Paul, nun dermaßen aufplustern, dann beweisen Sie damit leider auch, dass Sie keine Ahnung davon haben, wie man Menschen davon überzeugt, viel Geld für ein Event auszugeben. Aber, das wird Ihnen herzlich egal sein…

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