Bericht · Das bekannteste der sogenannten Rheindörfer ist sicher Kappeshamm. Die Orte Flehe, Volmerswerth, Itter und Himmelgeist sind dagegen weniger prominent. Dabei bilden sie alle Wohn- und Lebensoasen ganz nah am Zentrum unserer bisweilen hektischen Großstadt. Eine besondere Bedeutung kommt aber dem Naturschutzgebiet südlich vom Schlossmeierhof zu, das offiziell als Himmelgeister Rheinbogen bekannt ist, von den Anwohnern aber einfach die Jücht genannt wird. Denn die landschaftliche Fläche hinter dem Deich und das naturbelassene Land davor gelten als eine der wichtigsten Frischluftschneisen im Süden Düsseldorfs. Nicht zuletzt deshalb tobt seit Längerem eine Debatte über die Frage, ob, wie und wo genau ein neuer Deich den alten, maroden ersetzen könnte. [Lesezeit ca. 5 min]

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Google-Map: der Himmelgeister Rheinogen

Google-Map: der Himmelgeister Rheinogen

Rund 300 Hektar groß ist das Naturschutzgebiet Himmelgeister Rheinbogen, das so heißt, weil der Rhein zwischen Reisholzer Hafen und Itter einen 90-Grad-Bogen schlägt. Das Gebiet südlich der Ortschaft Himmelgeist wird zum größten Teil landwirtschaftlich genutzt, Richtung Reisholz gibt es Kleingärten. Ganz am Ufer dann einen Campingplatz. Markierte Wege führen durch das ganze Gebiet.

Der Stamm der berühmten Himmelgeister Kastanie und der neu gepflanzte Baum (Foto: Hajo Kendelbacher)

Der Stamm der berühmten Himmelgeister Kastanie und der neu gepflanzte Baum (Foto: Hajo Kendelbacher)

Berühmt wurde der Himmelgeister Rheinbogen über die Grenzen der Stadt hinaus wegen der Himmelgeister Kastanie – einem von nur zwei Bäumen in Deutschland, die eine eigene Postadresse besitzen. Die diente dazu, Briefe an den Baumgeist zu schreiben, der alten Sagen nach in der Kastanie wohnte. 2006 sollte der wunderbare Solitär mit seinem zerklüfteten Stamm und den knorrigen Ästen gefällt werden. Er sei krank, hieß es. Eine Bürgerinitiative, die sich „die Baumgeister“ nannte, protestierten dagegen und sammelten Unterschriften. Also wurde die Kastanie aufwändig saniert. Als aber im November 2015 nach einem Sturm ein großer Ast aus der Krone gebrochen war, beschloss man dann doch das Ende des von Pilz befallenen und weitgehend abgestorbenen Baums. Den Stamm ließ man stehen, der Schnitzer Jörg Bäßler formte ihn zu einer Skulptur um, die den Baumgeist darstellt.

Der Baumgeist der Himmelgeister Kastanie (Foto: Hajo Kendelbacher)

Der Baumgeist der Himmelgeister Kastanie (Foto: Hajo Kendelbacher)

Verwirrung herrschte bei einigen Freunden des Rheinbogens in Bezug auf die beiden Bezeichnungen, unter denen das Gebiet bekannt ist. Andreas Vogt, für das Projekt Himmelgeister Kastanie Mitglied der Deichkonferenz, erklärt, was es damit auf sich hat: „Himmelgeister Rheinbogen und Jücht bezeichnen dasselbe! Die Jücht wird das Gebiet vor allem unter den Einheimischen genannt. Wobei Jücht bei den Bauern ein früher gebräuchliches Flächenmaß ist. Wegen dieser Bezeichnung nennt sich der Baumgeist der Himmelgeister Kastanie auch Jüchtwind! Da weht immer ein frischer Wind, denn das Gebiet ist eine Frischluftschneise für Düsseldorf.“ Und das soll auch so bleiben. Denn der Gegend steht eine tiefgreifende Umgestaltung bevor. Der alte, um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert angelegte Deich ist marode, seine Schutzfunktion entspricht nicht mehr den EU-Richtlinien.

Das weite Land - Blick nach Norden (Foto: Hajo Kendelbacher)

Das weite Land – Blick nach Norden (Foto: Hajo Kendelbacher)

Grundsätzlich boten sich zwei Möglichkeiten: den bestehenden Deich zu sanieren oder einen vollständig neuen Deich zu bauen. Letzteres böte die Möglichkeit, einen anderen Verlauf zu wählen. Naturschützer plädieren schon seit 2015 für eine Rückverlegung des Deiches ins Landesinnere. So könnte die Rheinaue vor dem Deich deutlich vergrößert und so mehr Lebensraum für bedrohte Pflanzen- und Tierarten geschaffen werden. Leider wurde die Diskussion sowohl auf lokaler als auch auf Landesebene verschleppt, was die Aktionsmöglichkeiten einschränkt. Schließlich ist der Hochwasserschutz durch den bestehenden Deich nicht gewährleistet. Dem Hochwasser im Februar 2021 hielt das Schutzbauwerk allerdings problemlos stand. Mittlerweile stehen die Chancen für eine Verlegung eines neuen Deiches und Vergrößerung des Naturschutzgebietes eher schlecht.

Winter 2021 - erst kam das Hochwasser in den Himmelgeister Rheinbogen...  (Foto: Hajo Kendelbacher)

Winter 2021 – erst kam das Hochwasser in den Himmelgeister Rheinbogen… (Foto: Hajo Kendelbacher)

Dabei ist die Jücht nicht nur als Naturschutzgebiet von Bedeutung, sondern muss als naturhistorisches Denkmal betrachtet werden, nämlich als herausragendes Beispiel für die Rheinauen, die früher die Landschaft am Niederrhein prägten. Mit einem rückverlegten Deich könnte sich die Gegend analog zur Urdenbacher Kämpe entwickeln: durch die erweiterte Auslauffläche würde der Hochwasserschutz gesteigert, und die Tier- und Pflanzenwelt hätte mehr Raum.

Im Himmelgeister Rheinbogen leben mehrere gefährdete oder seltene Arten. Floristisch interessant sind u.a. die Osterluzei und die Frühblühende Wiesenraute. Aus der Tierwelt sind zu nennen: Flussuferwolfspinne, Knautien-Sandbiene und Zauneidechse sowie als Brutvögel u.a. Baumfalke, Bluthänfling, Flussregenpfeifer, Nachtigall, Pirol und Steinkauz; als Gastvögel können u.a. Weißstorch, Schwarzmilan und Rotmilan beobachtet werden. Vor allem für Vögel ist das Gebiet als Rückzugs-, Durchzugs- und Überwinterungsraum überregional bedeutend. Insgesamt gilt es als wesentlicher Bestandteil des großräumigen Rheinauenverbunds. [Quelle: Wikipedia]

...und dann das Eis  (Foto: Hajo Kendelbacher)

…und dann das Eis (Foto: Hajo Kendelbacher)

So oder so ist die Jücht eine der schönsten Ecken der Stadt und für Spaziergänger und Radfahrer bestens erschlossen. Am Schlossmeierhof kann man parken, die offiziellen Wege sind gekennzeichnet. In der Regel steuert man zu Fuß die alte Himmelgeister Kastanie an, um dann südwärts bis zum Fluss zu gelangen, wo man sich nordwestlich hält und über den Deich zum Ausgangspunkt zurückkehrt. An zwei Stellen kommt man direkt ans Wasser, um eine Pause einzulegen und den Schiffen zuzuschauen, die auf dem Rhein an einem vorbeiziehen.

D-TV Rettet das Naherholungsgebiet Himmelgeister Rheinbogen

[Alle Fotos: Hajo Kendelbacher für The Düsseldorfer]

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