In den Sechzigerjahren galt uns Kindern aus Derendorf und Pempelfort der Spichernplatz als letzter, nördlicher Außenposten der Zivilisation. Denn im weiteren Verlauf der Ulmenstraße kamen nur noch der Knast (Ulmer Höh’) und die Fabrikanlagen von Rheinmetall. Die Spichernstraße lief auf den Schlachthof zu, und das Gebiet zwischen dem Platz und der Rossstraße war Terra Incognita. Wir kannten auch niemanden, der weiter weg wohnte als am Spichernplatz – mal ausgenommen die Schulkameraden aus Unterrath, aber das war eh Ausland. Schön fand den Spichernplatz niemand, und für hässlich halten ihn heute noch viele Düsseldorfer. Wobei die meisten Bürger unserer schönen kleinen Großstadt von diesem Ort ohnehin nur wissen, dass sich hier die Wendeschleife der Straßenbahn befindet. Seinen Charme entfaltet der Spichernplatz aber eben nicht den Umsteigern und Vorbeifahrern. Nur zu Fuß und in Ruhe erschließt sich sein besonderer Charakter.

Alter Stadtplan: Den Spichernplatz gab’s schon 1909

Seinen Namen hat der rechteckige Platz, zu dem die Spichernstraße, die Collenbach- und die Ulmenstraße führen, von der Schlacht bei Spichern, deren Ausgang den Patrioten des ausgehenden 19. Jahrhunderts als wichtiger Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gilt. Wie es ohnehin in Derendorf und Pempelfort von Straßennamen mit militärischem Bezug nur so wimmelt (z.B. Moltke- und Gneisenaustraße, Kanonier- und Füsilierstraße), denn am Ende der Ulmenstraße gab’s die große Ulanenkaserne. Angelegt wurde der Spichernplatz in der Phase der Industrialisierung des Düsseldorfer Nordens. Treiber dieser Entwicklung war die Einrichtung und der Ausbau der Nord-Süd-Eisenbahnstrecke und der Bau des Derendorfer Personen- und Güterbahnhofs – beides begann gegen 1865 und war vor der Jahrhundertwende abgeschlossen. Die Wohnbebauung rund um den Platz herum und in der Spichernstraße, die heute zu sehen ist, entstand fast komplett nach dem zweiten Weltkrieg – die Nähe zu Rheinmetall und zur Bahnlinie machte die Gegend zum Ziel der Bombenangriffe. Nordöstlich des Platzes lag der Geistenberg, nach dem heute die Geistenstraße benannt ist, als Brachgelände zwischen Rheinmetall und Schlachthof.

Google-Map: Spichernplatz

Die Spichernstraße, die von der Rather Straße – eine der ganz alten Straßen vom alten Düsseldorf raus nach Rath – zum Platz führt, galt bis vor wenigen Jahren als wenig begehrte Adresse; die Häuser waren und sind schlicht, in allen Hinterhöfen gibt es Werkstätten und Betriebe. Da sich das Gelände von Schlachthof und Rheinmetall seit rund 15 Jahren rasant verändert, ist die Gegend beinahe begehrt geworden. Um den Platz herum finden sich unscheinbare Häuser, und Sutton’s Irish Pub an der Ecke zur Ulmenstraße ist das einzige auffällige Gebäude. Bevor die Iren die Kneipe vor gut 30 Jahren übernahmen, existierte hier schon immer eine typisch Düsseldorfer Eckwirtschaft. Auch schon uralt ist das Hotel am Spichernplatz mit seiner Gewölbesauna, das seit Langem in griechischer Hand ist. Und dann ist da noch die kleine Ladenzeile gegenüber der Haltestelle am Westende des Platzes. Hier kann man bei einem typischen Gemüseladen einlaufen, türkisch und italienisch essen sowie sein Bier in der Derendorfer Destille nehmen. Weil es auch einen Bäcker gibt, sind die Anwohner vom Spichernplatz gut versorgt.

Weil die Straßenbahn den ganzen Platz umrundet, werden die spielenden Kinder durch einen hüfthohen Zaun geschützt. Der Spielplatz wird regelmäßig gepflegt, die Geräte alle paar Jahre erneuert (zuletzt wohl 2015). Attraktion ist die Wasserpumpe an der Matschgrube. Und die Jugendlichen toben sich im Basketballkäfig am Ostende aus. Natürlich ist der Platz an warmen Tagen bei schönem Wetter der Treffpunkt für die Mütter und Väter mit ihren Kindern im Spielplatzalter. An solchen Tagen lässt sich dann an den Gästen auf dem Platz sehr schön ablesen, wie bunt und vielfältig die Bevölkerung am Spichernplatz ist.

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