Bericht · In diesem Stadtteil bin ich groß geworden, hier habe ich insgesamt mehr als ein Drittel meines Lebens gewohnt, aber so, wie es geworden ist, hat sich mir Pempelfort ein bisschen entfremdet. Man könnte es Gentrifizierung nennen, was dieses Viertel in den vergangenen rund 20 Jahren so stark verändert hat. Als Kind dachte ich, Pempelfort sei eigentlich Derendorf und das Dreieck der Mittelpunkt der Welt. Kein Wunder, war ich doch Schüler am Leibniz-Gymnasium, Stammkunde in der Stadtbücherei an der Blücherstraße und habe ich doch in den „Münster-Pfütze“ (heute hochtrabend „Therme“ genannt) das Schwimmen erlernt. Und nun bin ich wieder hier und wate durch die Zeitschichten und wundere mich… [Lesezeit ca. 6 min]

Google-Maps: Der Stadtteil Pempelfort zwischen Bahnschneise, Rhein und Innenstadt

Google-Maps: Der Stadtteil Pempelfort zwischen Bahnschneise, Rhein und Innenstadt

Gewundert habe ich mich schon als Rotzich als es hieß, Onkel Harald, der wohne am Dreieck, denn die geometrische Form gleichen Namens konnte ich da nicht erkennen. Tatsächlich findet sich diese Bezeichnung offiziell nur im Namen der Haltestelle, die auf der Nord- und Blücherstraße verteilt liegt. Wenn man sich aber einen Stadtplan oder Google Maps anschaut, sieht man, was gemeint ist: der durch drei Straßen gebildete Häuserblock, begrenzt von Münster-, Collenbach- und Rossstraße. Auch wenn es ganz oben links im Stadtteil liegt, also an der Ecke, an der Pempelfort, Derendorf und Golzheim aufeinandertreffen, bildet das Dreieck doch einen Knotenpunkt, der zum Viertel gehört und der mit seinen Veränderungen über die vergangenen 50 Jahre widerspiegelt, was mit Pempelfort und, ja auch, Düsseldorf passiert ist.

Google-Maps: Das Dreieck aus der Satellitensicht

Google-Maps: Das Dreieck aus der Satellitensicht

Denn bis noch vor ungefähr 25 Jahren galt das Viertel nicht als glamourös, war der Anteil an jungen Besserverdienern noch nicht so hoch. Da gab es noch nicht mehr Sushi-Restaurants als Pommesbuden, da gab es noch weniger Krimskrams-Shops als Buchläden, da kämpften noch nicht so viele glänzende Dienstwagen, SUVs und Porsches um die wenigen Parkplätze. Bestes Messinstrument für den Wandel ist genau das Dreieck. Das hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren an allen drei Ecken etwas Besonderes.

An der lauten, belebten Superkreuzung von Klever, Jülicher, Ross- und Collenbachstraße gab es immer schon eine Gastwirtschaft. Heute heißt sie „Saffran’s“ und wird immer noch als „Café“ geführt, obwohl es sich eher um ein Restaurant mit einer Karte, die zwischen mediterran und bodenständig changiert, handelt. Man kann auch draußen sitzen, aber irgendwie haben die Inhaber die Corona-Krise verpennt, als eines der letzten Restaurants wieder eröffnet und während des Lockdowns Abhol- und Lieferservice nur sehr verhalten angeboten und beworben. Es handelt sich um ein wahres Traditionsgasthaus, das im Zusammenhang mit der Entstehung des ganzen Viertels zwischen etwa 1902 und 1910 erbaut wurde. Schon als wir in den Fünfzigern Onkel Harald, der an der Collenbachstraße wohnte, besuchten, war diese Gaststätte ein Fixpunkt, und der Onkel schickte uns oft Bier holen. Mangels „Büdchen“ (von denen es damals nur sehr wenige gab) verfügten die Wirtschaften durchweg über Verkaufsschalter. Der vom heutigen Saffran’s befand sich im Eingang zum Treppenhaus des Wohnhauses. Es gab eine Klingel, die man bedienen musste, damit jemand von hinter der Theke kam und nach den Wünschen fragte. Man legte das Geld in ein verglastes Karussell, auf der anderen Seite wurden dann die Bierflaschen hineingestellt und das Wechselgeld dazugelegt. Ab den Sechzigerjahren hieß die Eckkneipe dann „Hähnchen“, und die beiden Säle bzw. Hinterzimmer wurden gern von politischen Gruppen, zum Beispiel vom SPD-Ortsverein genutzt. Das Hähnchen entwickelte sich rasch zu einer Gaststätte für die jüngere Generation, die man aufsuchte, um Freunde zu treffen und ein paar Bierchen zu trinken. Wann aus dem Hähnchen das Saffran’s wurde, weiß ich nicht mehr.

Die ehemalige "Löschecke", jetzt ein Sushi-Restaurant (Foto: TD)

Die ehemalige „Löschecke“, jetzt ein Sushi-Restaurant (Foto: TD)

Genauso traditionsreich, wenn auch nicht ganz so alt ist die Lokalität, die heute als Baba Sushi an der Ecke Ross-/Münsterstraße residiert. Diese Gastwirtschaft wird für mich auf ewig die „Löschecke“ sein, denn so hieß sie die meiste Zeit. Klar, sie liegt gegenüber der Feuerwache III, deren Gebäude wie das der Münster-Therme kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert errichtet wurde. Auch die Löschecke war eine typische Eckkneipe wie sie zwischen etwa 1950 und 1990 in allen Viertel zigfach zu finden waren. Allerdings eher für Otto und Hilde Normalbürger als für uns jungen Leute. Irgendwann in den Siebzigern übernahm ein „Jugoslawe“ den Laden, behielt aber den Namen bei und servierte die beliebte Palette der balkanesischen Fleischgerichte. Einige Jahre lang wechselte das Lokal im Zwei-Jahres-Takt Name und kulinarische Ausrichtung. Seit wann genau dort das Sushi-Restaurant besteht, weiß ich nicht.

Am spannendsten ist vielleicht die Geschichte der dritten Ecke, die bei Eingeborenen auch „LBS-Ecke“ heißt, weil diese Bausparkasse für die Bebauung dieses attraktiven Grundstücks verantwortlich war, das aufgrund verschiedenster Umstände bis weit in die Siebzigerjahre hinein mit auf Trümmern errichteten, provisorischen Verkaufsständen bestückt war. Da gab es einen Obst-und-Gemüsehändler im Stil der heute fast durchweg von türkischen Mitbürger:innen betriebenen Läden, einen Schumacher, der vom Besohlen und von Reparaturen lebte, einen Schlüsseldienst und die legendäre Kotelett-Bud, die an der linken Flanke des Provisoriums lag, direkt angrenzend an das Haus auf der Collenbachstraße, in dem Onkel Harald und Tante Gerda wohnten. Sagen wir so: Unter heutigen Vorschriften für den Betrieb eines Schnellimbisses hätte es die Bude nie und nimmer geben. Es war eng, heiß und stinkend, und nur bei allerschlechtestem Wetter aß man sein Kotelett oder seine Frikadelle im Inneren. Lieber ließ man sie sich in altmodisches Fettpapier – war der Transportweg länger zusätzlich mit Zeitungspapier umwickelt – einpacken und verspeiste sie im Gehen oder Stehen drüben an der Kreuzkirche. Als die lieben Betreiber der unordentlichen Ecke weichen mussten, lautete die gute Nachricht: Die Kotelettbud zieht nur um – und zwar auf die Rossstraße, schräg gegenüber der Löschecke. In dem Lokal, das keinen Deut hygienischer war als die alte Bude, bekam man immer noch die leckersten Koteletts der Stadt und in denselben Pfannen gebraten die allerleckersten Frikadellen, von denen es hieß, der Brötchenanteil läge bei knapp 50 Prozent. Heute residiert dort ein Vietnamese, der wohl „oho“ heißt, aber so ganz genau wird das aus dem Ladenschild nicht klar.

In die nigelnagelneue LBS-Ecke zog damals neben dem italienischen Eiscafé, das es als „Da Pietro“ heute noch gibt, auch ein Radiofernsehladen – den belagerten wir in den Achtzigerjahren bei Fußballwelt- und europameisterschaften, um bei mitgebrachten Getränken die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu bejubeln. Später taten wir dasselbe dann eben bei Pietro, der nach dem Ende des TV-Geschäfts selbst einen Fernseher ins Fenster stellte. Heute ist die Caffe-Gelateria Da Pietro unter schattigen Bäumen ein beliebter Treff- und Pausenpunkt für die Anwohner:innen. Hier nimmt man seinen schnellen Espresso, frühstückt oder genießt die diversen Eisbecher. Dabei haben Eisdielen hier Tradition. Als es die LBS-Ecke noch nicht gab, bereits in den Fünfzigern, existierte eine Eisdiele nämlich gleich um die Ecke, da wo heute das Bürger-Restaurant Pearl seine Speisen anbietet. War Onkel Harald spendabel, drückte er uns Kinder je 50 Pfennige in der Hand, wir sollten uns ein Eis holen.

Gegenüber scheint über viele Jahre so etwas wie ein Experimentierfeld für Gastronomen gelegen haben. Zwischen „Münsterpfütze“ und Blücherstraße gab es den zweiten Mexikaner der Stadt mit sehr, sehr leckeren Speisen. Zwei, drei Häuser weiter eröffnete Anfang der Neunziger eines der erstens türkischen Schnellrestaurants, und einen Inder gab es auf dieser Straßenseite auch einmal. Und immer schon gab es einen Frisör in dem Lokal gegenüber der Feuerwache, in dem heute der Salon Axel Ziehe arbeitet. Die Spielhallen und Büdchen wechselten häufig – wie woanders auch. Interessant, dass sich das Stückchen Collenbachstraße in den letzten Jahren so herausgemacht hat – auch wenn der Wandel anscheinend gerade im Werden ist. Neben der todschicken Boutique Krystyle und dem feinen Italiener Maurizio finden sich das sagenumwobene Café Hollywood, ein Treffpunkt für Italiener aus Nah und Fern sowie ein ziemlich authentisches japanisches Ramen-Restaurant. Leider, leider, leider schon seit mehr als zwei Jahren geschlossen ist der Eisen-Weber, der da ewig existierte und wirklich alles rund ums Metallhandwerk bot, Gitarrensaiten inklusive. Auch der Asia-Schnellimbiss zwischen Hollywood und Saffran’s, der eine Zeitlange richtig gut lief, ist geschlossen.

Im Vergleich zur inzwischen leicht schnöseligen Nordstraße ist die Atmosphäre am Dreieck noch recht nah an dem Geist, der hier schon immer wehte. Dazu gehören auch Architektursünden wie das Eckhaus Münster-/Blücherstraße, in dem die beliebte Fahrschule Thür wohnt, sowie die obskuren Spielhallen und Wettbüros, für die auf der schicken Nordstraße kein Platz wäre. Nein, das Dreieck ist für mich kein Nostalgiepunkt, aber doch ein Stückchen Heimat, an dem ich die persönlich erlebte Geschichte der vergangenen fünfzig, sechzig Jahre ablesen kann.

4 Kommentare

  1. Olaf Saffran am

    Das Saffran`s wurde im November 1993 von mir eröffnet und Ich habe es im Jahre 2000 an die jetztigen Betreiber weitergegeben. Gruß Olaf Saffran

  2. Als Kind erinnere ich mich sehr an die „Kotelett Bud“ Immer wenn ich mit meiner Mama vom Einkaufen kam, gab es dort die leckerste Frikadelle der Stadt. Gegenüber am Taxistand assen dann die „Kutscher“ auch Ihren Bremsklotz. Bis heute ist mir schleierhaft was da alles drin war das diesen Geschmack verursachte, es war auf jeden Fall eine gehörige Portion Senf. Aufgewachsen auf der Zietenstrasse, mit Umzug zur Weissenburgstrasse dann final 32 Jahre auf der Kapellstrasse gewohnt, haben wir aufgrund des irrsinnigen Mietspiegels jetzt vor vier Jahren der Stadt den Rücken gekehrt und eine Immobilie in Meerbusch gekauft. Aber wann immer es geht, fahren wir zurück in meine Heimat und werde schwermütig ob der ganzen Erinnerungen. In lauen Sommernächten vermisse ich den Lindenduft und den Fussweg „angeschickert“ durch den Hofgarten nach Hause… Ich liebe Dich Pempelfort, Du bist leider nur an der falschen Ausfahrt abgebogen….

  3. Danke für den kenntnisreichen und einfühlsamen Text!
    Ich (Jahrgang 1971) erinnere mich noch an die Fahrschul-Verekehrsschilder im ersten Stock des Eckgebäudes Münster/Blücherstr. 😉 – und natürlich das 50-Pfennig-Eis an der Ecke;-)))

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