,Die Schlesische Straße ganz im Norden Ellers hat eine ganz eigene Atmosphäre – wie haben sie besucht…

Bericht · Schon immer hat mich der Name „Schlesische Straße“ fasziniert, und letztlich auch die Straße selbst, die mitsamt ihren Seitenstraße eine ganz eigene Atmosphäre hat. Das erste Interesse gilt dem Namen. Nein, er bezieht sich nicht auf die Heimatvertriebenen aus dem ehemals zu Deutschland und nach dem Krieg Polen zugeschlagenen Schlesien, sondern auf dieses Gebiet zwischen Pommern und der Lausitz, links und rechts der Oder mit Breslau (polnisch: Wrocław) als Hauptstadt, das im Lauf seiner Geschichte ständig zwischen verschiedenen Königreichen und Staaten hin und her geschoben wurde. [Lesezeit ca. 6 min]

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Die Schlesische Straße gehört zum Stadtteil Eller; ihre Parallelstraße, die Posener Straße, zählt aber zu Lierenfeld. Beide Straße gab es vor dem ersten Weltkrieg noch nicht. Sie finden sich erst auf dem offiziellen Stadtplan von 1922 – damals gehörte das ganze Gebiet noch zur Flur 13, die etwa dem heutigen Stadtteil Lierenfeld entspricht. Es handelt sich bis um etwa 1910 herum um eine der am dünnsten besiedelten Ecken Düsseldorfs, rein landwirtschaftlich genutzt und nur mit einer Handvoll Höfen (z.B. dem Gather Hof) besetzt. In den irrwitzigen Boomjahren zwischen ca. 1860 und eben 1910 wurde in hohem Tempo Äcker und Wiesen in Industriegebiet umgewandelt – der Umzug der späteren DUEWAG aus Derendorf hierher löste einen besonders starken Boom aus.

Die Gegend an der Schlesischen Straße: links 1922, rechts 1940 (Screenshots: maps.duesseldorf.de)

Die Gegend an der Schlesischen Straße: links 1922, rechts 1940 (Screenshots: maps.duesseldorf.de)

Mit der Industrialisierung wuchs auch die Düsseldorfer Einwohnerzahl rasant, vor allem durch die vielen Arbeitsemigranten aus den deutschen Ostgebieten. Gerade aus Schlesien, dass zwar bereits einen florierenden Steinkohlebergbau sowie eine eingeführte Textilindustrie besaß, kamen viele Menschen ins Ruhrgebiet und eben auch nach Düsseldorf. Das Viertel rund um die Schlesische Straße entstand in dieser Phase, und hier siedelte man die neuen Arbeitskräfte systematisch an. Zwar gab es in der Umgebung wenig Infrastruktur, dafür waren die Wege in die Fabriken kurz.

Heimatvertriebene: Natürlich dachte ich beim Straßennamen sofort an Heimatvertriebene und damit an die chauvinistischen Bewegungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre à la „Dreigeteilt? Niemals!“ als die ewiggestrigen Deutschnationalisten vom „Kuratorium Unteilbares Deutschland“ mit viel medialer Macht die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1938 kämpften. Uns jungen Menschen der Sechziger, die von den Schulen noch in Fackelzüge für diese Propaganda gepresst wurden, kam das so dermaßen rechtsextrem vor, dass wir selbst dem Wort „heimatvertrieben“ an sich misstrauten, obwohl unsere Eltern selbst ja Weltkriegsflüchtlinge waren. Erst sehr viel später lernte ich den Unterschied. Da waren einerseits die Menschen aus dem Osten, die aus Angst vor der Roten Armee gen Westen flohen, und da waren andererseits die mindestens vier Millionen Deutsche, die – vor allem vom polnischen Staat – nach dem Kriegsende aus ihrer Heimat aktiv vertrieben wurden.

Immerhin, und das war für die zugezogenen Katholiken wichtig, bestand ab 1912 bereits die St. Michaelskirche an der Ronsdorfer Straße, die genau als Teil der Infrastruktur errichtet wurde, die für die neuen Düsseldorfer nötig war. Allerdings in erster Linie für die Belegschaft der Mannesmann-Stahlwerke entlang der Erkrather Straße. Heute bildet die Kirche St. Michael die Landmarke an der Kreuzung der Reisholzer mit der Schlesischen Straße, einem wichtigen Knotenpunkt des ÖPNV. Übrigens: Die Kirche wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut, nur der Turm und seine Haube entstanden neu. In den Neunzigern kam die Idee auf, das Ding einfach abzureißen, weil es einfach überdimensioniert war. Stattdessen hat man die Kirche zwischen 2004 und 2007 einfach durch den Abriss des alten Langhauses verkleinert.

Die Michaelskirche am ÖPNV-Knotenpunkt Schlesische Straße (Foto: TD)

Die Michaelskirche am ÖPNV-Knotenpunkt Schlesische Straße (Foto: TD)

Den alten Teil der Straße bilden die mehrstöckigen Mietshäuser zwischen St. Michael und der Kreuzung mit der Richardstraße. Obwohl sie innerhalb von nur zwei oder drei Jahren errichtet wurden, sind verschiedene Baustile jener Zeit vorhanden. Das spricht dafür, dass es sich um keine öffentliche Wohnbaumaßnahme handelte, sondern die einzelnen Häuser individuell von verschiedenen Eigentümern erbaut wurden. Vergleicht man die Stadtpläne, standen da 1922 auf der gesamten Länge zunächst nur drei solcher Häuser. 1940 war dann alles bis zur genannten Kreuzung bebaut.

Eines der schönen Mietshäuser an der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Eines der schönen Mietshäuser an der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Bis weit in die Sechzigerjahre hinein endete die Wohnbebauung auf der Südseite an der Kreuzung zur Schweidnitzer Straße, nur auf der nördlichen Seite standen wieder Wohnhäuser, allerdings eher zwei- oder zweieinhalbgeschossige. Dahinter dehnte sich bis zur Bahnlinie eine Mischung aus Brachland und Kleingärten aus; mittendrin der Fußballplatz des Sportring Eller. In den Nullerjahren wurden die kleinen Häuser abgerissen und durch moderne Neubauten im Klötzchenstil ersetzt.

Die modernen Klötzchenbauten am Ende der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Die modernen Klötzchenbauten am Ende der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Die Schlesische Straße ist breit und großzügig angelegt; auf der Nordseite gibt es teils überbreite Gehwege mit kleinen Rasenflächen dazwischen. Ab der Oderstraße hat man freie Sicht durch die fast schnurgerade Straße Richtung Osten bis zum Ende. Auffällig ist das Fehlen von Läden und von Gastronomie. Die leicht angeranzte Pizzeria Tonino hatte früher einen sehr guten Ruf, scheint den aber nicht mehr erfüllen zu können (will man den Google-Rezensionen glauben). Und dann ist da noch der Schweidnitzer Hof, der den ganzen Charme einer traditionellen Eckkneipe ausstrahlt, obwohl er in einem furchtbar hässlichen Siebzigerjahrehaus lebt.

Das Schweidnitzer Eck - ein echte Eckkneipe an der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Das Schweidnitzer Eck – ein echte Eckkneipe an der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Ansonsten gibt es noch ein ebenfalls traditionelles Büdchen und den erwähnten Laden für polnische Lebensmittel weiter oben. Das Tabak-und-Schreibwarengeschäft an der Ecke Richardstraße hat leider zum 1. April 2022 für immer aufgegeben. Also konzentrieren sich die Anwohner:innen beim Einkaufen auf die Reisholzerstraße, die ja gerade rund um die Haltestelle Schlesische Straße jede Menge Lebensmittel- und andere Läden bietet. An dieser Stelle wird dann die Zugehörigkeit der Straße zu Eller deutlich, denn diese wuselige Kreuzung bildet den nördlichen Endpunkt dieses ganz eigenen Stadtteils.

Die Pizzeria an der Haltestelle Richardstraße (Foto: TD)

Die Pizzeria an der Haltestelle Richardstraße (Foto: TD)

Ruhig und friedlich ist die Schlesische Straße, und diese Ruhe und dieser Frieden setzt sich in den Seitenstraßen fort. Hier finden sich teils Einzelhäuser aus der Gründerzeit, aber vor allem kleinere Mietshäuser und viele Einfamilienhäuser mit Gärten. Diese Straßen tragen vorwiegend (die deutschen Versionen der) Namen von Orten aus Schlesien: Posen ist vertreten, und die Posener Straße bildet das direkte Gegenstück zur Schlesischen; Breslau, Liegnitz, Gleiwitz, Torgau, Leuthen, Glogau, Hohenfriedberg sind vertreten.

Der hübsche Nachbarschaftspark Am Hackenbruch am Ende der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Der hübsche Nachbarschaftspark Am Hackenbruch am Ende der Schlesischen Straße (Foto: TD)

Das Gute an der ganzen Gegend ist, dass sie kein bisschen hip und cool ist und von der Gentrifizierung bislang verschon geblieben ist, obwohl sie gerade für Familien mit Kindern attraktiv ist. Denn am Ende der Schlesischen Straße erstreckt sich eine der am wenigsten bekannten Grünanlagen der Stadt: der Nachbarschaftspark am Hackenbruch. Hier gibt es sanfte Rasenhügel, Spielwiesen, Basketballfeld und Spielgeräte verschiedener Art sowie einen Hundeauslauf. Und weil die Schlesische Straße nur mit wenig Autoverkehr belästigt wird und die drei Buslinien, die aus der Richardstraße Richtung Reisholzer Straße abbiegen, nicht allzu oft vorbeikommen, ist auch die Verkehrslage sehr angenehm.

[Alle Fotos wurden aufgenommen am 14. April 2022.]

2 Kommentare

  1. Am Ende der Schlesischen Straße gab es doch lange Jahre einen Zigeunerplatz, oder? Oder lag der Wagenplatz am Hackenbruch, rechts vor dem Bahnübergang? Da am Ende der Schlesischen Straße/Am Hackenbruch war man als kleiner Steppke nicht gerne unterwegs. Auch der Block zwischen Weichsel-, Posener-, Oder- und Schlesische Straße war tendenziell eher NoGo-Area für kleine Nichtbewohner. Man ist das lange her.

  2. Mal wieder die alte Heimat. Schön, dass gerade einige Artikel über Eller (und den Bereich, der vielleicht schon Lierenfeld ist) kommen.

    Mein Haupt-Anlaufpunkt in der Schlesischen Straße war das große Büdchen mit Spielzeug direkt an der Haltestelle Richardstraße. Das müsste der Laden sein, der bei Google Maps jetzt eine Pizzeria ist.

    Jürgen: Du meinst wahrscheinlich den Platz zwischen Oelser Str. und den Bahngleisen, südlich vom Hackenbruch. Dort lebten bis Anfang der 80er Jahre Sinti in einer Wohnwagen-Kolonie unter sehr einfachen Verhältnissen. Bei Regen war der ganze Platz eine große Matschpfütze. Wie es mit Wasser- und Stromversorgung war, weiß ich nicht, aber es wird kaum den Maßstäben der 70er/80er Jahre entsprochen haben.
    Anfang der 80er hat die Stadt dort einfache, aber feste Häuser gebaut. Die damals neu errichtete Straße dort ist nach dem Künstler Otto Pankok benannt, der Sinti und Roma portraitiert und sich für sie eingesetzt hat. Über seine Frau Hulda gibt es hier bei The Düsseldorfer einen Artikel.

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