Der Mann, den sie Schnitzel nannten. Oder: Liebeserklärung an ein Eisstadion

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Normalerweise geht es hier ja um Sport. Oder das, was die DEG 2017/18 mitunter darunter versteht. Heute nicht. Heute geht es um Erinnerung, heute geht es um Nostalgie, heute geht es um Liebe. Über Daniel Kreutzer, seine Karriere, seine Geschichte als Sohn der Gastronomie-Betreiber an der Brehmstraße wird an anderer Stelle genug zu lesen sein, sicher auch über seinen Status als angeblich Unvollendeter, weil er nie Meister geworden ist. Geschenkt. Hier soll es ja um Liebe gehen, und die muss man ganz gewiss weder erklären noch rechtfertigen, wenn man DEG-Fan ist und von seinem Captain spricht, die ist selbstverständlich. Wem die nicht klar ist, dem ist eh nicht zu helfen.

Die Liebe, von der hier die Rede sein soll, ist eine andere, und sie betrifft ein Bauwerk westlich vom Zoopark. Eine Eishalle alter Schule. Eine, die zu allen Seiten offen ist, in die der Wind zieht und die von oben bis unten und von links bis rechts den Charme der Achtzigerjahre in sich trägt. Ein Tempel. Eine Stätte der Jugend, prall gefüllt mit Erinnerungen an glorreiche Triumphe und bittere Niederlagen. An neblige Abende, neblig vom Nebel oder neblig von Altbier und jamaikanischem Rum. An stundenlanges Stehen in nassen Klamotten, wenn die Anreise über Unterbacher See und Gerresheim per Mofa oder per S7 und folgendem Fußmarsch mit, äh, Verpflegungspause im Regen stattfand. Vor allem aber an eine Atmosphäre, die noch nirgendwo sonst zu erleben war – in keinem anderen Eisstadion, in keinem Fußballstadion, bei keinem Konzert, nowhere. Was hat das früher gescheppert aus 10.000 Kehlen, selbst wenn die – und jetzt alle! – Scheiß-Tribüne nicht mitgesungen hat. Was ja irgendwie ein Teil des Gesamtkunstwerks war.

All diese Erinnerungen kamen wieder hoch, als der Weg zu Daniels Abschiedsspiel angetreten wurde. Kind klein war im Schlepptau, die Hockey bislang nur aus dem Dome kennt oder von sporadischen Auswärtsfahrten, von denen allenfalls die Spiele in Iserlohn eine vage Erinnerung an früher aufkommen lassen. Völlig neue Erfahrung also. Nach langen Suchen hatten wir einen Parkplatz in der Nähe der Graf-Recke-Straße ergattert und machten uns auf den Weg durch den Zoopark. Und hörten die Gesänge – in einer Lautstärke, als seien wir im Jahr 1979 oder 1985 oder 1993. Ich war so nostalgisch wie ergriffen, Kind klein kommentierte es mit „fett!“. Was in etwa dasselbe bedeutet.

All die Leute – die Hütte war „ausverkauft“, eher überfüllt – all die Gerüche, all die Gesänge, alle die meterhohen Türme leerer Bierbecher an unmöglichsten Stellen, selbst die unerzogenen Männer, die durch den Zaun schifften, weil ihnen das Klo zu weit oder zu voll war, dazu die vielen Fans, die aus entfernten Galaxien wie Rosenheim, Rießersee, Crimmitschau oder Köln angereist waren, um der #23 und der Brehmstraße die letzte Ehre zu erweisen – es war, als seien die Achtziger gestern gewesen. Na klar, natürlich waren die Leute da, um neben dem Hauptakteur die alten Helden der Marke Peter Lee, Chris Valentine oder Tore Vikingstad, aber eben auch sich selbst und den Tempel abzufeiern – warum auch nicht? Was spricht eigentlich dagegen? Was spricht dagegen, ein DEL-Spiel der kommenden Saison als Retro-Match an der Brehmstraße auszutragen? Irgendein usseliges Spiel gegen irgendeinen usseligen Gegner, das im Dome keine 5.000 Leute ziehen würde. Die Brehm wäre voll. Mit alten Säcken wie mir, die die Vergangenheit wiederaufleben lassen würden. Und 9.999 anderen alten Säcken, die das ähnlich sehen. Es käme eine Stimmung auf, wie sie im Dome niemals erreicht werden kann und um die uns jedes andere Team der Liga beneidet. Jedes. Jede Wette.

[Foto: Brigitte Drack via Wikimedia unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“]

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